Verkehrsachse

Hamburg - Rom
An der Lehenmattstrasse aufgewachsen, hatte ich in den Sechziger-Jahre oft vorbeifahrende Autos vom Küchenfenster aus gezählt. Während der Ferienzeit hatte ich den Standort auf die Terrasse verlegt, da ich mir es dort bequemer einrichten konnte. Aus Deutschland, Belgien, Holland, manchmal auch aus Dänemark und Schweden fuhren sie vor unserer Stube vorbei und es gab Staus und zwar als wie öfters. Dies ermöglichte mir wiederum, genauer hin zu schauen, und so bekam ich ein recht guter Einblick in die europäische Reisekultur. Selbstverständlich fuhren auch grosse Lastwagen vorbei. Diese imposanten Fahrzeuge bekam ich nicht so mit, da ich mich tagsüber im Gundeldingerquartier aufhielt. Wir wohnten also direkt an der Verkehrsachse Hamburg – Rom. Alljährlich haben wir erfahren, dass es wieder mal ein Kinder aus der Nachbarschaft erwischt hat. Es war sehr schwierig über die Strasse zu kommen und das Schicksal wurde täglich hingenommen.

Plötzlich ging eine spektakuläre Bauerei los. Ein ganzes Haus wurden verschoben, Strassen verlegt, neue Brücken und Tunnels angelegt. Mitten im Quartier wurden wir Zeitzeugen von gigantischen städtischen Umwälzungen.
Mit meiner Jugend bildete sich auch mein gesellschaftliches Bewusstsein und so bekam ich gerade mit wie sich in diesem baulichen Effor eine skeptische Bevölkerungsgruppe zusammen schloss und ein «Komitee für eine wohnliche Breite» bildete. Die Gründungsversammlung war für mich sehr aufregend und was mich am meisten beeindruckte war, dass sogar ein Polizeibeamter sich an dieser Versammlung für die Bedürfnisse der Quartierbewohner stark machte.

Quartier-Entwicklung
Aufregend kam mir die ganze Sache vor. Einerseits die grandiosen Erdverschiebungen, mit denen auch einen permanenten Ausnahmezustand in unserem Wohnquartier erfolgte. Während meiner Jugendzeit wurde mein ganzes Ausgangsgebiet umgepflügt.
Ein Fabrikareal stand leer, wir stiegen ein, hatten für kurze Zeit unser Schloss bevor es abgerissen und weitere Hochhäuser erstellt wurden.
Der Weg zur Badi führte plötzlich durch das Tunnel in dem der St.Alban-Teich hindurch fliesst und darüber wurde in himmlischer Höhe die Eisenbahnbrücke erweitert. Die Autobahn nahm langsam Gestalt an. Witzig und unverständlich finde ich heute noch, dass an dieser Stelle die Autobahnausfahrt unmittelbar neben dem Toillettenfenster des einen Wohnhauses führt. Das Fenster ist nach einigen Jahren zugemauert worden.
Über den Rhein baute man vier Brücken gleichzeitig und gegenüber der Breite, im Kleinbasel, wurde eine gigantische Schneise aufgerissen. Eine Gartenlandschaft verschwand. Der Badische Bahnhof schien mir vergraben zu werden doch dieses Loch bekam einen Deckel und langsam wurde für mich ersichtlich was entstand. Ein Tunnel dort, eine Brücke da eine Kurve hier und ein Labyrinth als Abschluss und die Autobahn konnte eingeweiht werden. Seit dann müssen die Wunden im Quartier geglättet werden.

Nun, stehen die Bauwerke über dreissig Jahre. Bereits ist die Belastungsgrenze des Verkehrs erreicht. Eine zweite zweispurige Eisenbahnbrücke ist gerade im Bau. Die Diskussion zur Verbreiterung der Nationalstrassen im beschriebenen Teilstück wird aktuell geführt, obwohl in Bezug zur Luft- und Lärmschutz, trotz ewigem politischem Versprechen, kaum etwas unternommen wurde. Unsere Kinder und Kindeskinder müssen immer noch, wie wir damals, unmittelbar neben der Auto- und Eisenbahn zur Schule und das Gebäude hat keinen Schutz gegen den enormen Lärm!
Jetzt kommt die radikale Idee zur Diskussion, das gesamte Autobahnstück unter den Boden zu legen.
Irgendwie kommt mir das Ganze wie ein permanentes Flickwerken vor.

mc 25.2.11